Agli astri, al ciel
Puccini lesen, hören, befragen.

Madama Butterfly - Theater Regensburg, 27.12.2025


Theater Regensburg: Butterfly gegen alle Widerstände
Kritik: Madama Butterfly – Theater Regensburg
Vorstellung vom 27.12..2025
Weitere Aufführungen: 13.02. und 08.03. (jeweils mit Theodora Varga)


Puccinis Madama Butterfly gehört zu jenen Werken, die auch abseits der großen Metropolen immer wieder zu überraschen vermögen – vorausgesetzt, Stimme und musikalische Substanz stimmen. Mein Weg nach Regensburg war in diesem Fall weniger geplant als gefunden. Nach einer enttäuschenden Bohème an der Bayerischen Staatsoper – ursprünglich wegen der angekündigten Mimi von Sonya Yoncheva besucht, letztlich jedoch geprägt von Absagen und wenig überzeugenden Zweitbesetzungen – stellte sich für mich die Frage nach einem musikalischen Trostprogramm. Ein Blick auf die Spielpläne bayerischer Häuser führte schließlich nach Regensburg, wo Madama Butterfly gegeben wurde. Dass sich der Besuch zudem mit einem Aufenthalt in der Stadt verbinden ließ, die den Geist von Papst Benedikt XVI. atmet , erwies sich als glückliche Fügung.
Meine Erwartungshaltung war entsprechend vorsichtig optimistisch: eine solide Provinzproduktion, handwerklich ordentlich, vielleicht mit begrenzten Mitteln, aber mit der bekannten Chance auf echte musikalische Entdeckungen. Nach der Münchner Enttäuschung überwog bei mir weniger Skepsis als Neugier.


Was sich dann im Theater Regensburg entfaltete, übertraf diese Erwartungen deutlich. In einem architektonisch wie atmosphärisch reizvollen Haus begegnete mir eine eigenwillige Inszenierung, ein bemerkenswert aufspielendes Orchester – und vor allem eine Cio-Cio-San, die den Abend vollständig an sich zog. Theodora Varga, mir bis dahin unbekannt, erwies sich als Entdeckung von seltener Eindringlichkeit.


Die musikalische Leitung lag bei Stefan Veselka, der das Orchester des Theaters Regensburg zu einem üppigen, farbenreichen Puccini-Klang führte. Der Zugriff war stellenweise deutlich auf der lauteren Seite, gerade in den dramatischen Zuspitzungen mitunter recht brachial, obgleich sich Veselka jedoch als ausgesprochen sängerfreundlicher Dirigent zeigte – eine Haltung, die in dieser Aufführung nicht nur wohltuend, sondern bisweilen auch bitter notwendig war. Das Zusammenspiel zwischen Graben und Bühne funktionierte insgesamt sehr gut. Die Tempi blieben flexibel, Übergänge organisch, die Sänger wurden aufmerksam getragen. Besonders der erste Akt geriet musikalisch zu einem einzigen großen Atemzug: vom Vorspiel bis zum Liebesduett spannte sich ein Klangbogen von beeindruckender Geschlossenheit – ein Puccini-Traum, der wesentlich zur Atmosphäre des Abends beitrug.


Im Zentrum dieser Regensburger Madama Butterfly stand Theodora Varga, die eine Cio-Cio-San von außergewöhnlicher stimmlicher Intelligenz und emotionaler Durchdringung gestaltete. Ihre Stimme ist lyrisch geführt, zeigt jedoch bereits klare Übergänge ins jugendlich-dramatische Fach – eine Anlage, die sich für diese Partie als ideal erwies. Im ersten Akt klang sie tatsächlich wie ein junges Mädchen: mit heller, klarer Grundfarbe, perfekter Intonation und strahlenden, mühelosen Höhen, ohne dass je der Eindruck einer kleinen Stimme entstand.
Technisch präsentierte sich Varga außerordentlich sicher. Die Stimme war tragfähig, in großen Bögen geführt und von bemerkenswert kluger Disposition. Nie wurde zu früh auf Effekt gesungen, alles wirkte aus der Entwicklung der Figur heraus gedacht. Dass Regie und Bühnenbild beim Singen dabei nicht immer hilfreich waren, machte ihre Leistung für mich nur umso eindrucksvoller.


Die Höhen überzeugten durchgehend. Bereits im ersten Akt – etwa bei „Ancora un passo…“ und im großen Liebesduett – verband Varga jugendliche Frische mit vokaler Substanz. In den folgenden Akten gewann der Klang hörbar an Reife und dramatischer Dichte. In „Un bel dì“ wurde sie zusätzlich durch szenische Vorgaben gefordert, da sie auf einer sich drehenden Bühne permanent bergauf gehen musste. Gesanglich blieb sie dennoch beeindruckend: Das „l’aspetto“ geriet von großer Eindringlichkeit, der Klang noch jugendlich, zugleich bereits von innerer Spannung durchzogen. In der Szene mit Sharpless entwickelte sich die Stimme zunehmend ins jugendlich-dramatische Fach.
Besonders eindrucksvoll waren die dynamischen Abstufungen: feinste Diminuendi, spannungsvoll aufgebaute Crescendi, stets dramaturgisch motiviert. Herausragend gelang „Ah! m’ha scordata?“ – zunächst im Piano angesetzt, dann bis zum dramatischen, brustig geführten Ausbruch gesteigert. Spätestens hier ging mir diese Darstellung unter die Haut.


Der emotionale Kulminationspunkt lag im Finale. Ab der Begegnung mit Kate Pinkerton („Ah! Triste madre!“) kehrte Varga noch einmal zu einem wunderbar lyrischen, zutiefst berührenden Ton zurück, bevor sich mit „Tu, tu, piccolo“ die ganze Tragik der Figur entfaltete. Im Schlussabschnitt stemmte sie sich stimmlich wie darstellerisch eindrucksvoll gegen das zu laute Orchester – bis zu den letzten „Amore, addio, addio…“-Rufen, das Kind im Arm. Ein Finale von herzzerreißender Intensität.


Als moralisches Gegengewicht der Handlung erwies sich Benedikt Eder als herausragender Sharpless. Mit einer wunderschönen, voluminösen Stimme, die mühelos trägt, ohne je ins Forcieren zu geraten, gestaltete er die Partie mit großer Musikalität und innerer Ruhe. Eder – ein junges Ensemblemitglied – war neben Varga der einzige, der dem Zentrum des Abends für mich wirklich ebenbürtig erschien.
Der Pinkerton von Iurie Ciobanu, offenbar als Einspringer, blieb gesanglich korrekt, darstellerisch jedoch blass. Die Figur gewann wenig Profil und blieb emotional erstaunlich unbeteiligt.


Für Irritation sorgte Scarlett Pulwey in der wohl wahrlich undankbaren Rolle der Kate Pinkerton. Die Stimme wirkte unangenehm scharf und klanglich unerquicklich – eine kurze Szene, die bei mir mehr Ratlosigkeit als Wirkung hinterließ.


Zwiespältig blieb der Eindruck bei Rahel Brede als Suzuki. Darstellerisch nahezu ideal, in der Interaktion mit Varga von großer Intensität, blieb sie stimmlich auf weiter Strecke beim Sprechgesang . Umso überraschender waren jene Momente – insbesondere im Duett –, in denen plötzlich schöne, tragfähige Töne aufblitzten.


Zur Inszenierung, ihrem pseudointellektuellen Konzept und der Ausstattung möchte ich mich nicht weiter vertiefend äußern. Das Bühnenbild wirkte auf mich wie eine eigenartige Mischung aus Cats und Versatzstücken einer Zeffirelli-Turandot – ein ästhetischer Hybrid, der mehr Fragen aufwarf als Antworten gab. Dramaturgisch blieb vieles rätselhaft, erzählerisch wenig stringent, und nicht selten stand die Szene (oder konkret gesagt gefühlte 17 verschiedene Cio-Cio-San Alter-Egos)  dem Gesang eher im Weg . Glücklicherweise erwies sich das Theater Regensburg selbst als stimmungsvoller Raum, der Nähe und Intensität ermöglichte. Die Inszenierung trat zurück – die Sänger gestalteten.
Der Publikumsapplaus fiel solide aus, blieb jedoch hinter der künstlerischen Leistung zurück. Sowohl Theodora Varga als auch Benedikt Eder hätten aus meiner Sicht deutlich mehr Begeisterung verdient.


Diese Madama Butterfly war für mich ein Ausnahmeabend – nicht wegen ihrer szenischen Konzeption, sondern wegen einer Künstlerin von Weltformat. Theodora Varga stellte viele A-Liga-Kolleginnen, die ich in den letzten Jahren an Staatsopern, MET, in Bonn usw. hören durfte, in den Schatten – gesanglich wie darstellerisch. Trotz einer wenig hilfreichen Inszenierung und eines stellenweise brachialen Orchesters gelang ihr eine kluge, hochmusikalische und zutiefst berührende Darstellung, die mich auf einer emotionalen Ebene traf, wie es nur wenige der unzähligen Butterfly-Interpretationen vermochten, die ich erlebt habe.


Diese Aufführung empfehle ich daher nachdrücklich – vor allem Liebhabern großer, eigenständiger, unkonventioneller Sopranstimmen. Allein (und eigentlich nur) wegen Theodora Varga lohnt es sich, den Weg nach Regensburg auf sich zu nehmen. Ich werde dies bei einer der beiden kommenden Vorstellungen am 13.02. oder 08.03. – trotz fünfstündiger Anreise – mit Sicherheit tun.